Mile Me Deaf (Brandt fällt leider aus)

Mile Me Deaf (Brandt fällt leider aus)

KONZERT | POST-HIPPIE-FUNK; INDIE ROCK

MILE ME DEAF

„What happens to the Human Age, when everyone is bored of it?“. Mit dem neuen Album stimmt MILE ME DEAF den Abgesang unserer Spezies an. Mastermind Wolfgang Möstl spinnt seine in bisherigen Alben angedeutete Vorliebe für dystopische Fiktion weiter und verknüpft sie mit dem fragilen Status Quo der aktuellen Menschheitsgeschichte. Das Geschrammel der Vorgängeralben wurde mit ALIEN AGE vorerst begraben. Sample-basierte Beats und Loops geben nun den Ton an. Die 90s-Indie Einwirkung der Vorgängeralben ist hier nur noch homöopathisch zu spüren – hingegen rücken Dub, Vaporwave, Jazz und Ambient in den Vordergrund. Das Album wurde erneut zur Gänze im Alleingang von Möstl produziert. Als Grundlage der Tracks diente ein alter Akai-Sampler mit dem Sounds und Musikversatzstücke unterschiedlichster Quellen wie abstruse Plattenfunde, Aufnahmen befreundeter Bands oder Audio-Kuriositäten aus aller Welt in bester OldSchool-HipHop Manier zu eigenwilligen MILE ME DEAF Pop-Songs geformt wurden. Erstmals gibt Möstl auch das Mikrofon weiter: Seine „Sex Jams“-Bandkollegin Katarina Trenk übernimmt die Mainvocals auf „Shibuya+“, einem hypnotischen Dance-Track.
ALIEN AGE kokettiert augenzwinkernd mit extraterrestrischen Besuchern, Entvölkerungsszenarien und allerlei Bizarrem aus den Untiefen des Internets. Es ist ein Versuch den „weirden Vibe“ unserer Ära einzufangen. Zwischen den Zeilen lässt sich das Album auch als posthumanistisches Album deuten. Es sind die Widersprüchlichkeiten der Welt, die Möstl zum Zweifeln an der Rolle des Menschen als Speerspitze einer gesellschaftlichen Hierachie lässt. Das humanistische Ideal, das die Vernunft des (westlichen) Menschen über alles setzt ist längst zu hinterfragen. Die Idee zum Artwork entstand in Zusammenarbeit mit Burnbjoern, der schon für das Design des Vorgängeralbums zuständig war. Es handelt sich um Stereogramme, jenen Bildern, die bei näherer Betrachtung einen 3D-Effekt erzielen. Das auf den ersten Blick nur als wirres Muster wahrnehmbare Cover bekommt mit der nötigen Blicktechnik plötzlich eine zweite Ebene.

Wolfgang Möstl wohnt und arbeitet seit 2010 in Wien. Er hat neben den Mile Me Deaf Releases an die 50 Alben produziert, unter anderem von Acts wie „Voodoo Jürgens“ oder „Der Nino aus Wien“, und bei den Soundtracks für Talea (2013) und Der Anruf (2016) mitgewirkt. Möstl spielt noch Gitarre in „Sex Jams“, „Melt Downer“ und „Clara Luzia“.
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BRANDT (fällt leider aus)

Indierock heißt so, weil es sich um die unabhängige Form der Rockmusik handelt. Sprich: größtmögliche Freiheit. Nur wenige Bands da draußen nutzen das aus. Vielleicht, weil sie zu sehr damit beschäftigt sind, über Haltung und Identität nachzudenken. Oder auch über das Geld, den Erfolg, den Lohn.
Brandt aus Münster – das sind vier Typen, die sehr lange und intensiv nachdenken können. Machen sie auch. Aber nicht, wenn sie sich als Brandt treffen. Dann nutzen sie ihre Freiheit – und hauen alles raus, was sich durch die viele Grübelei über Musik, Harmonien, Themen, Bands und das Leben angesammelt hat.
Songs aus dem Stegreif. Aus der Hüfte geschossen. John-Wayne-Songs. Die meisten rund zwei Minuten lang. Die Gitarren klingen laut und direkt, das Schlagzeug durchweg euphorisiert. Der Bass tummelt sich an Orten, an dem man ihn gar nicht vermutet – und dann diese Stimmen: zwei, drei, vier, wer will das schon zählen? Es klingt nicht, als spiele die Band diese Lieder. Es wirkt, als feierten Brandt ihre Songs. Auf der Bühne sowieso. Aber eben auch auf den Aufnahmen. Weil – und das ergibt sich aus den vielfältigen Banderfahrungen der Musiker – das Studio mit seinen Kabeln, Gerüchen und Technikern längst nicht mehr einschüchtert. Bei Brandt werden keine Klicks auf Kopfhörer gespielt, Bassdrums gerade gerückt oder Gesangsspuren bis in die Ewigkeit neu probiert. Bei Brandt zählt der Moment. Und der Moment für Brandt – der ist jetzt gekommen!
Es gibt Bezugspunkte für diese freiheitsliebende Variante des Indierock. Guided By Voices, die amerikanische Chaostruppe mit dem musikalischen Output eines Großindustrieunternehmens. The Clean, Gitarrengötter aus Neuseeland. Oder US-Hochenergiebands wie The Thermals oder Superchunk.
Wie diese Bands drucken auch Brandt ihre Setlists nicht vor ihren Gigs aus dem Computer aus. Auf der Bühne steht Bier, kein Vitaminwasser. Die Saiten reißen, wenn sie reißen. Schweiß ist gewollt, beim Fußballspielen schwitzt man ja auch. Die Texte sind super, nachlesen muss sie aber keiner. Das Beste steht sowieso zwischen den Zeilen: Have fun, feel free, one, two, three, four!
Text: André Boße

Eintritt: € 11 | € 9 (für Mitglieder)

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